Spätschicht – Freiräume im Stühlinger schaffen

Ziem­lich genau drei Mona­te ist es nun her, dass im Stüh­lin­ger der neue Spät­ver­kauf “Bis Spä­ti” im ehe­ma­li­gen Joseph-Stüb­le auf­ge­macht hat. Seit­her erhitzt das The­ma die Gemü­ter in der Stadt und vor allem hier im Stadt­teil.

Ste­ve Wolff-Vor­beck vom Stüh­lin­ger Maga­zin beglei­tet eine Nacht­schicht im ¨Bis Spä­ti¨

Anwohner*innen, die nachts ihre wohl­ver­dien­te Ruhe haben wol­len auf der einen, und meist jun­ge Nachtschwärmer*innen, die nach nächt­li­chen Frei­räu­men suchen, die es in Frei­burg lei­der viel zu wenig gibt, auf der ande­ren Sei­te. Die­ser besag­te Frei­raum wur­de in den letz­ten Wochen und Mona­ten am knapp hun­dert Meter ent­fern­ten Leder­le-Platz gefun­den. In hei­ßen Som­mer­näch­ten hiel­ten sich dort teils an die 100 Men­schen auf — die Situa­ti­on der Anwohner*innen wur­de uner­träg­lich, die Stadt schal­te­te sich ein. Seit­her wird der Platz am Wochen­en­de teils mehr­fach vom Ord­nungs­amt geräumt.

Eine sol­che Situa­ti­on ver­langt nach Kom­pro­mis­sen und Kon­zep­ten und für mich ist klar: es braucht hier Lösun­gen. Lösun­gen, die einer­seits die Situa­ti­on der Anwohner*innen und Gastronom*innen am Leder­le-Platz ver­bes­sert, ande­rer­seits aber neue attrak­ti­ve Frei­räu­me im Stüh­lin­ger schafft, um gera­de jun­gen Men­schen ein Nacht­le­ben zu ermög­li­chen.

In der letz­ten Zeit sind dies bezüg­lich eini­ge Lösung­vor­schlä­ge auf­ge­taucht. Ein paar davon bin ich als Beglei­ter in einer Nacht­schicht des “Bis Spä­ti” auf den Grund gegan­gen. An die­ser Stel­le möch­te ich beto­nen, dass die fol­gen­den Erzäh­lun­gen als Erfah­rung nicht frei von Sub­jek­ti­vi­tät sind.

22:00 Uhr: Die Schicht beginnt. Es soll eine lan­ge Nacht wer­den, denn Laden­schluss ist um vier. Drau­ßen war­tet bereits Ste­fan, Teil des Kol­lek­tivs, das den Laden demo­kra­tisch führt, auf mich. Er hält einen Besen in der Hand und fegt den Bereich rund um den Ein­gang. Die ers­te Hand­lung nach 22:00 Uhr, denn dadurch kommt man auch mit den Men­schen vor dem Laden ins Gespräch. Die Hin­wei­se nach 22 Uhr die umlie­gen­den Parks auf­zu­su­chen, die wir den Men­schen geben, fruch­ten. Der Bereich an der Ecke Eschholzstraße/ Egon­stra­ße leert sich.

Drin­nen erklärt mir Ste­fan den übli­chen abend­li­chen Ablauf. Immer wie­der wer­den wir unter­bro­chen, da doch eini­ge bekann­te Gesich­ter auf den Cou­ches sit­zen. Ein klei­nes “Hal­lo” hier, ein kur­zes Gespräch, das Ent­täu­schung über die Beschlüs­se des Kli­ma­ka­bi­netts aus­drückt, da. Fra­ge ich nach der Situa­ti­on der Frei­räu­me, so mischen sich Skep­sis und Wohl­wol­len. “Der Eschholz­park wäre eine gute Alter­na­ti­ve. Kaum Anwoh­ner und so weit ist das ja echt nicht, aber halt kei­ne Toi­let­ten”, sagt mir ein Gast. “Genau das könn­te man ändern, viel­leicht auch gleich mit einer Außen­be­wir­tung”, erwi­de­re ich. Der Vor­schlag kommt gut an, klingt aber auch nach hohen büro­kra­ti­schen Hür­den.

23:00 Uhr: Ab elf Uhr sit­ze ich an der Kas­se. Der Andrang ist jetzt am größ­ten und ich brau­che ein wenig um etwas Rou­ti­ne beim Abkas­sie­ren zu bekom­men. Wäh­rend­des­sen erfah­re ich, dass der Leder­le­platz bereits geräumt wur­de. Drei Grup­pen hiel­ten sich da wohl auf. Pro­ble­me gab es heu­te wohl kei­ne. Als sich der Andrang etwas gelegt hat, ist wie­der etwas Zeit für Gesprä­che. Doch vor­her müs­sen die Kühl­schrän­ke auf­ge­füllt wer­den. Plötz­lich ertönt Spa­ghet­ti Car­bo­na­ra von Spliff aus den Boxen. Von hin­ten hört man einen Gast rufen: “Sau coo­les Lied, das haben wir auf Klas­sen­fahrt immer gehört.” All­ge­mein ist die Stim­mung sehr ange­nehm. Alt und Jung kom­men an die­sem Abend zusam­men, eini­ge sit­zen bereits seit über einer Stun­de auf den Sofas und spie­len Kar­ten. Immer wie­der fol­gen Gesprä­che auch mit ver­trau­ten Gesich­tern.
Mehr Außen­be­stuh­lung wün­schen sich eigent­lich alle, mit denen ich rede. Drau­ßen sit­zen bis zu einer spä­ten Uhr­zeit in den Knei­pen des Stadt­teils in lau­en Som­mer­näch­ten. Da gibt es viel zu wenig Mög­lich­kei­ten, ist der ein­stim­mi­ge Tenor. “Man könn­te doch 1–2 Park­plät­ze nut­zen, wo Quar­tier und Egon bewir­ten dür­fen. Kann die Stadt da nichts machen?”, kommt als Vor­schlag auf.

Der Leder­le-Platz gegen halb eins ist ver­hält­nis­mä­ßig ruhig

Unser Stadt­teil ist geprägt von sei­nem urba­nen Leben und da gehört Außen­be­wir­tung ein­fach dazu. Und die gibt es, fin­de ich, zu wenig. Wenn ich nach einem lan­gen Arbeits­tag noch ein gepfleg­tes Pils trin­ken möch­te, ist drau­ßen meist kein Platz mehr. Die Hür­den der Ver­wal­tungs­ge­rich­te sind dabei aller­dings immer wie­der äußerst hoch und deutsch­land­weit wer­den Fuß­weg-que­ren­de Außen­be­wir­tun­gen in der Regel nur in Fuß­gän­ger­zo­nen geneh­migt.

00:30 Uhr: Gegen halb eins bege­be ich mich kurz zum Leder­le-Platz, um mir ein Bild zu machen. Es ist ruhig. Zwei Grup­pen sit­zen wie­der auf dem Platz und unter­hal­ten sich lei­se. Es ist kein Ver­gleich zu eini­gen Näch­ten die­sen Som­mer, in denen der Platz über­füllt war. Die Form des Plat­zes, wie ein Audi­to­ri­um, trug ihren Teil dazu bei und ein paar Nachtschwärmer*innen hat­ten sich auch wirk­lich dane­ben benom­men. Da hat­te ich wirk­lich gro­ßes Ver­ständ­nis für die Anwohner*innen. Respekt­vol­ler Umgang ist hier das A und O und nur so kön­nen wir Kom­pro­mis­se und Lösun­gen fin­den. Ein Lösungs­an­satz ist es hier in die Parks zu gehen, wobei vor allem am Kirch­platz auch auf die dor­ti­gen Anwohner*innen Rück­sicht genom­men wer­den muss. Da sehe ich per­sön­lich die Vor­tei­le auf der Sei­te des Eschholz­par­kes, an dem es kaum Anwoh­ner gibt. Aller­dings ist eine Auf­wer­tung des Stüh­lin­ger Kirch­plat­zes aus ande­ren Grün­den unheim­lich wich­tig. Da liegt auch eine Chan­ce, den Andrang am Leder­le-Platz zu nut­zen, um den Kirch­platz mit urba­nem Leben zu fül­len. Dabei muss aber wie oben bereits erwähnt auch die Situa­ti­on der Anwoh­ner am Kirch­platz berück­sich­tigt wer­den.

02:00 Uhr: Die Nacht im Spä­ti ver­läuft heu­te rela­tiv ruhig. “Der Andrang nor­ma­li­siert sich in den letz­ten Wochen. Die Situa­ti­on rund um den Laden ent­spannt sich zuneh­mend. Aber klar, das liegt auch am Ende des Som­mers,” sagt Ste­fan. “Wie wollt ihr die nächs­ten Mona­te gestal­ten und vor allem die Zeit im Win­ter?” fra­ge ich. „Der Spä­ti soll­te ja von Anfang an ein Ort des sozia­len Mit­ein­an­ders sein. Wir freu­en uns jetzt dar­auf, mehr Zeit und Kapa­zi­tät für ver­schie­dens­te Pro­jek­te zu haben. Im Oktober/November star­tet dann zum Bei­spiel end­lich unser wöchent­li­cher Mit­tags­tisch auf Spen­den­ba­sis, jeden Mitt­woch. Außer­dem soll es ein wöchent­li­ches Näh­ca­fé geben, wo man zum Bei­spiel sei­ne Hose fli­cken oder einen Tabak­beu­tel nähen kann, und es gibt noch vie­le wei­te­re Ide­en.“

04:00 Uhr: Um vier Uhr ist end­lich Schluss. Die letz­ten Gäs­te haben den Laden ver­las­sen. Die ande­ren bei­den sind sich einig, das war eine der ent­spann­te­ren Nacht­schich­ten. Ich dage­gen muss ganz schön durch­pus­ten. Jetzt noch Kühl­schrän­ke auf­fül­len, Kis­ten aus dem Kel­ler holen, wischen. Das Klo zu put­zen nimmt man mir glück­li­cher­wei­se ab. Um vier­tel vor fünf stei­ge ich auf mein Fahr­rad und fah­re nach Hau­se — trotz ent­spann­ter Schicht hun­de­mü­de.

Ste­ve Wolff-Vor­beck (Stüh­lin­ger Maga­zin) und Ste­fan vom ¨Bis Spä­ti¨ Kol­lek­tiv

Damit sei die­ser klei­ne Selbst­ver­such been­det. Die mit­ge­nom­me­nen Ein­drü­cke sind super, der “Bis Spä­ti” hat mir heu­te sei­nen sozia­len Cha­rak­ter als Begnungs­ort und Frei­raum deut­lich gemacht. Das ist etwas, was unser Stadt­teil braucht. Und ich bin auch über­zeugt, dass wir mit Kom­pro­miss­be­reit­schaft Lösun­gen fin­den kön­nen. Die drei nahe­lie­gends­ten Mög­lich­kei­ten sind mei­ner Mei­nung die oben beschrie­be­nen, d.h. die Umge­stal­tung des Kirch­plat­zes, die Urba­ni­sie­rung des Eschholz­par­kes sowie eine Aus­wei­tung der Außen­be­stuh­lung im Stadt­teil.

Die Stadt muss jetzt han­deln und Frei­räu­me im Stüh­lin­ger schaf­fen, denn der nächs­te Som­mer kommt bestimmt. Und wir wis­sen ja, die hei­ßen Som­mer­näch­te wer­den in Zukunft län­ger und häu­fi­ger wer­den.

Spätschicht – Freiräume im Stühlinger schaffen

Ste­ve Wolff-Vor­beck vom Stüh­lin­ger Maga­zin beglei­tet eine Nacht­schicht im ¨Bis Spä­ti¨

Ziem­lich genau drei Mona­te ist es nun her, dass im Stüh­lin­ger der neue Spät­ver­kauf “Bis Spä­ti” im ehe­ma­li­gen Joseph-Stüb­le auf­ge­macht hat. Seit­her erhitzt das The­ma die Gemü­ter in der Stadt und vor allem hier im Stadt­teil.
Anwohner*innen, die nachts ihre wohl­ver­dien­te Ruhe haben wol­len auf der einen, und meist jun­ge Nachtschwärmer*innen, die nach nächt­li­chen Frei­räu­men suchen, die es in Frei­burg lei­der viel zu wenig gibt, auf der ande­ren Sei­te. Die­ser besag­te Frei­raum wur­de in den letz­ten Wochen und Mona­ten am knapp hun­dert Meter ent­fern­ten Leder­le-Platz gefun­den. In hei­ßen Som­mer­näch­ten hiel­ten sich dort teils an die 100 Men­schen auf — die Situa­ti­on der Anwohner*innen wur­de uner­träg­lich, die Stadt schal­te­te sich ein. Seit­her wird der Platz am Wochen­en­de teils mehr­fach vom Ord­nungs­amt geräumt.
Eine sol­che Situa­ti­on ver­langt nach Kom­pro­mis­sen und Kon­zep­ten und für mich ist klar: es braucht hier Lösun­gen. Lösun­gen, die einer­seits die Situa­ti­on der Anwohner*innen und Gastronom*innen am Leder­le-Platz ver­bes­sert, ande­rer­seits aber neue attrak­ti­ve Frei­räu­me im Stüh­lin­ger schafft, um gera­de jun­gen Men­schen ein Nacht­le­ben zu ermög­li­chen.
In der letz­ten Zeit sind dies bezüg­lich eini­ge Lösung­vor­schlä­ge auf­ge­taucht.
wei­ter­le­sen

Stühlinger Magazin 4–2018

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Stühlinger Magazin 3–2018

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Wie funktioniert die Freiburger Müllabfuhr?

Wahr­schein­lich haben Sie sich auch schon über Müll auf den Stra­ßen auf­ge­regt, über hohe Müll­ge­büh­ren oder feh­len­de Müll­ei­mer. Doch ist die Auf­re­gung gerecht­fer­tigt, was sind die Grün­de für den Müll auf Stra­ßen und wie funk­tio­niert die Müll­ab­fuhr eigent­lich? Um die­se Fra­gen zu beant­wor­ten hat das Stüh­lin­ger Maga­zin recher­chiert und sich mit Herrn Brog­lin, dem Geschäfts­füh­rer der Abfall­wirt­schaft und Stadt­rei­ni­gung Frei­burg (ASF) getrof­fen.
Die ASF wur­de 2000 gegrün­det und über­nahm die Auf­ga­ben der städ­ti­schen Müll­ab­fuhr und Stadt­rei­ni­gung. 53 % der ASF gehö­ren der Stadt, der Rest dem Unter­neh­men Remon­dis. Die ASF arbei­tet eigen­wirt­schaft­lich, das heißt, jeder kann bei ihr einen Ser­vice ein­kau­fen, nicht nur die Stadt. So holt die ASF auch Spei­se­res­te von Restau­rants ab oder leert Alt­klei­der­con­tai­ner im Auf­trag von Ver­ei­nen. Die Auf­stel­lung und Lee­rung der öffent­li­chen Müll­ei­mer erfolgt als Auf­trag der Stadt. Als der Ober­bür­ger­meis­ter am See­park Müll­ei­mer auf­stel­len ließ, hat die Stadt die­se Dienst­leis­tung bei der ASF ein­ge­kauft. Alle Tätig­kei­ten der Rei­ni­gung muss die Stadt aus ihrem Haus­halt bezah­len und kann sie bei Unter­neh­men wie der ASF ein­kau­fen. Wie vie­le und wel­che Müll­ei­mer es gibt und wie oft wel­che Stra­ße gefegt wird, liegt damit in der Hand des Gemein­de­rats, der den städ­ti­schen Haus­halt beschließt.

Abb.1: Rei­ni­gungs­plan Stüh­li­ger Kirch­platz. rot schraf­fiert: GMF, blau schraf­fiert: ASF, unschraf­fiert: Kirch­ge­mein­de

Für die Stra­ßen­rei­ni­gung gibt es einen Rei­ni­gungs­plan, der vom Gar­ten- und Tief­bau­amt erar­bei­tet wird. Je nach Lage einer Stra­ße wird sie mehr­mals täg­lich oder ein­mal monat­lich gerei­nigt. Die Häu­fig­keit vari­iert zudem je nach Jah­res­zeit, Ver­an­stal­tun­gen und Bau­stel­len. Bei der Rei­ni­gung von öffent­li­chen Flä­chen über­nimmt teils das Gebäu­de­ma­nage­ment Frei­burg (GMF,) teils die ASF die Rei­ni­gung. Abb.1 zeigt den Rei­ni­gungs­plan für den Stüh­lin­ger Kirch­platz. Man sieht, dass der Teil an der Schu­le von der GMF, der Rest von der ASF gerei­nigt wird. Der gepflas­ter­te Bereich rings um die Kir­chen­mau­er wird hin­ge­gen von der Kirch­ge­mein­de gerei­nigt. Es gibt also 3 ver­schie­de­ne Rei­ni­gungs­ge­sell­schaf­ten für den Platz. Der Wind trägt weg­ge­wor­fe­nen Müll jedoch in alle Berei­che, so dass es sinn­voll wäre, wenn die Stadt den kom­plet­ten Platz ent­we­der der GMF oder der ASF über­trägt und die Kirch­ge­mein­de die Rei­ni­gung auch bei die­ser Gesell­schaft beauf­tragt. So könn­te effek­ti­ver gerei­nigt wer­den.
An vie­len Stel­len hat die Stadt die Müll­ei­mer durch Edel­stahl­be­häl­ter erset­zen las­sen. Die­se sind robust, hal­ten auch einen Brand durch Ziga­ret­ten aus und sind spe­zi­ell beschich­tet, um sie von Graf­fi­ti und Auf­kle­bern rei­ni­gen zu kön­nen. Ein Stahl­be­häl­ter kos­tet ca. 7 Mal so viel wie einer der oran­ge­nen Müll­ei­mer, die an den Bus­hal­te­stel­len hän­gen. Die Erfah­rung ist, dass die oran­ge­nen Behäl­ter zu oft zer­stört wer­den, beson­ders in der Innen­stadt im Som­mer. Inso­fern rech­nen sich die neu­en Behäl­ter und vor allem fliegt kein Müll mehr aus zer­stör­ten Behäl­tern durch die Stra­ßen.

Abb.2: Herr Brog­lin, Geschäfts­füh­rer der ASF

Wäh­rend die Stadt alle Kos­ten der Rei­ni­gung trägt, wer­den mit den Müll­ge­büh­ren die Kos­ten für die Müll­ab­fuhr finan­ziert. Im bun­des­wei­ten Ver­gleich der Müll­ge­büh­ren lag Frei­burg 2016 im Mit­tel­feld, ca. 9% über dem Schnitt aller Groß­städ­te. Inso­fern kann man nicht sagen, dass die Frei­bur­ge­rIn­nen beson­ders belas­tet sind. Die Müll­ab­fuhr erle­digt stadt­weit die ASF, dazu gehört auch der Sperr­müll. Die Müll­ge­büh­ren sind auch des­we­gen über dem Bun­des­schnitt, da jeder Haus­halt im Jahr 4 m³ Sperr­müll kos­ten­frei abho­len las­sen kann. In Würz­burg z.B. muss man hin­ge­gen sei­nen Sperr­müll selbst zum Wert­stoff­hof brin­gen oder 5 €/m³ zah­len. In Frei­burg genügt es, eine der Post­kar­ten an die ASF zu schi­cken, die man jedes Jahr mit dem Müll­ka­len­der erhält. Obwohl das ein ver­schwin­dend gerin­ger Auf­wand ist, stel­len immer mehr Leu­te ihren Sperr­müll auf die Stra­ße, oft mit einem Zet­tel „zu ver­schen­ken“. Doch wer möch­te Müll geschenkt haben? Selbst wenn ein paar Gegen­stän­de tat­säch­lich von Pas­san­ten mit­ge­nom­men wer­den, so lädt ein Müll­hau­fen dazu ein, sei­nen Müll mit dazu zu wer­fen. Die Kon­se­quenz sind immer mehr Müll­hau­fen in den Stra­ßen und der Herbst­wind trägt ihn in die Vor­gär­ten. Das ist ein stadt­wei­tes Pro­blem und betrifft die Wieh­re genau­so wie den Stüh­lin­ger. Jedes Sperr­müll­fahr­zeug der ASF ist mit meh­re­ren Leu­ten besetzt. Damit die­se effek­tiv fah­ren, wird gemäß den Müll­post­kar­ten eine Rou­te ent­wor­fen. Wil­de Müll­hau­fen erfor­dern neue Rou­ten und da die Men­ge nicht klar ist, ist es zudem schwer abzu­schät­zen, wie lan­ge man dafür braucht. Wil­de Müll­hau­fen kön­nen daher erst nach eini­gen Tagen beräumt wer­den. Die Mehr­kos­ten dafür müs­sen alle Frei­bur­ge­rIn­nen tra­gen, denn Über­stun­den müs­sen selbst­ver­ständ­lich bezahlt wer­den. So hat die Besei­ti­gung des Müll­hau­fens in der Fer­di­nand-Weiß-Str., über den auch die BZ berich­tet hat­te, 2500 € gekos­tet. Je mehr es sol­che Müll­hau­fen gibt, umso mehr müs­sen die Müll­ge­büh­ren erhöht wer­den. Das muss sich jeder klar machen, der etwas „ver­schen­ken“ möch­te oder der sei­nen Müll dazu stellt. Wer beim Raus­stel­len erwischt wird, bekommt ein Ord­nungs­wid­rig­keits­ver­fah­ren und eine Rech­nung der Besei­ti­gung des Mülls.
Vom Sperr­müll abge­se­hen, sind wir Frei­bur­ger auf den ers­ten Blick vor­bild­lich. Wir pro­du­zier­ten 2016 pro Kopf 381 kg Haus­halts­müll, das sind 21 % weni­ger als der Bun­des­schnitt. Rech­net man den Elek­tro­schrott dazu, pro­du­ziert jeder Deut­sche jedoch 40 % mehr Müll als z.B. ein Spa­ni­er. Euro­pa­weit Spit­ze sind wir hin­ge­gen mit einer Recy­cling­quo­te von 66 % und nur 1 % des Haus­mülls lan­det auf einer Depo­nie. Doch ist Recy­cling in jedem Fall gut und was pas­siert genau mit unse­rem Müll?
Müll wird getrennt gesam­melt, da er auch getrennt behan­delt wird.

  • Müll aus den kos­ten­pflich­ti­gen Ton­nen wird in der Müll­ver­bren­nungs­an­la­ge TREA in Esch­bach ver­brannt. Die dadurch ent­ste­hen­de Schla­cke wird neben­an von der Schla­cke­ver­wer­tung Breis­gau zu Bau­stof­fen wei­ter­ver­ar­bei­tet und z.B. als Unter­bau für Stra­ßen­be­lag und zur End­ab­de­ckung der geschlos­se­nen Depo­nie Eichel­buck ein­ge­setzt. Schla­cke­res­te, die nicht wei­ter ver­wen­det wer­den kön­nen, wer­den in Depo­ni­en der umlie­gen­den Land­krei­se ein­ge­la­gert.
  • Bauschutt wird von der ASF stoff­lich und im Volu­men nur begrenzt ange­nom­men. Je nach Typ des Schutts fal­len dafür geson­der­te Kos­ten an. Die ASF über­gibt den Schutt an dar­auf spe­zia­li­sier­te Ent­sor­gungs­fir­men Fir­men wie z.B. die FEBA. Son­der­ab­fäl­le wie Asbest oder Mine­ral­fa­sern wer­den auf der Depo­nie Kah­len­berg in Rings­heim end­ge­la­gert. Wer eine Bau­stel­le hat, muss eine Recy­cling­fir­ma beauf­tra­gen und sich vor­her infor­mie­ren, wie er den Schutt vor­sor­tieren muss, damit er zur Abho­lung akzep­tiert wird.
  • Papier wird auf dem Gelän­de der Remon­dis an der Lie­big­stra­ße umge­schla­gen und dann meist nach Gerns­bach aber auch deutsch­land­weit an Papier­wer­ke ver­kauft. Recy­cling­pa­pier besteht aus bis zu 85 % Alt­pa­pier. Papier kann so fast kom­plett recy­celt wer­den. Daher ist der Kauf von Recy­cling-(Toi­let­ten)Papier gut für die Umwelt.
  • Glas wird nach Far­ben getrennt gesam­melt, da es wie­der Sor­ten­rein für neue Gefä­ße gegos­sen wird. Nach der Samm­lung wird es eben­falls von Remon­dis umge­schla­gen. Weiß- und Grüng­las wird an eine Glas­hüt­te in Achern gelie­fert, Braun­glas an eine Glas­hüt­te in Bad Wurz­ach. Das sind erheb­li­che Trans­port­we­ge von bis zu 200 km. Glas ist schwer, nicht sel­ten schwe­rer als der Inhalt. Die lan­gen Trans­port­we­ge füh­ren daher zu einen hohen Aus­stoß von CO2. Außer­dem muss man Glas zum Schmel­zen auf über 1200 °C erhit­zen. Der Umwelt hilft es daher enorm, wenn man Lei­tungs­was­ser trinkt (evtl. Koh­len­säu­re zugibt), das zudem bes­ser kontrol­liert wird als jedes Lebens­mit­tel. Bei Geträn­ken hat die Kunst­stoff­fla­sche auf­grund ihres gerin­ge­ren Gewichts meist die bes­se­re Öko­bi­lanz und Fla­schen nam­haf­ter Her­stel­ler sind innen schon seit Län­ge­rem mit einer hauch­dün­nen Schicht Glas ver­se­hen, so dass man auch geschmack­lich das­sel­be Ergeb­nis hat, wie wenn man aus einer Glas­fla­sche trinkt. Mehr­weg ist natür­lich auch bei Kunst­stoff die umwelt­freund­lichs­te Lösung.
  • Tex­ti­li­en wer­den in Alt­klei­der­con­tai­nern, meist von gemein­nüt­zi­gen Ver­ei­nen gesam­melt. Die meis­ten Ver­ei­ne haben einen Ver­trag mit der ASF, die die Con­tai­ner betreut und bei jeder Lee­rung den Inhalt wiegt. Pro Ton­ne Alt­klei­der zah­len Ver­wer­ter aktu­ell um die 300 €. Vom Erlös geht ein ver­trag­lich fest­ge­leg­ter Betrag an die Ver­ei­ne. Die ASF sor­tiert manu­ell alles aus, was kein Tex­til ist. Danach über­neh­men ande­re Fir­men. Die­se sor­tie­ren gut erhal­te­ne Stü­cke aus und ver­kau­fen sie welt­weit im Second-Hand-Markt. Nicht ver­kauf­ba­re Klei­dung wird eben­falls welt­weit wei­ter ver­ar­bei­tet. Typisch sind Fasern für die Däm­mung von Auto­ka­ros­sen oder für Putz­lap­pen. Was auch dafür nicht ver­wen­det wer­den kann, kann ver­brannt oder depo­niert wer­den. Da die Ver­wer­ter Geld für die Alt­klei­der bezahlt haben, sind sie nicht dar­an inter­es­siert, Geld fürs Ver­bren­nen oder Depo­nie­ren aus­zu­ge­ben und so sind unse­re Alt­klei­der auch oft Teil der Müll­ber­ge ande­rer Län­der. Beson­ders Schu­he las­sen sich nur schwer recy­celn, da Soh­len aus Gum­mi mit ande­ren Kunst­stof­fen und Leder ver­klebt sind. Jeder Deut­sche wirft jedoch 5 paar Schu­he im Jahr weg. Inso­fern ist es sinn­voll, nicht mehr trag­ba­re Schu­he in die Rest­müll­ton­ne zu geben, weil sie dann nicht ins Aus­land gelan­gen. Was nicht mehr trag­bar heißt, ist in die­ser Bro­schü­re anhand von Fotos erläu­tert.
  • Biomüll wird in die Remon­dis-Toch­terfirma Reter­ra an der Tul­la­stra­ße gelie­fert. Dort wer­den zuerst Metal­le und best­mög­lich Kunst­stof­fe aus­sor­tiert. Der Müll kommt dann für ca. 1 Monat zusam­men mit Was­ser in einen Gär­be­häl­ter. Das ent­ste­hen­de Bio­gas wird gesam­melt und in Block­heiz­kraft­wer­ken vor Ort und in Land­was­ser ver­brannt. Die gegär­te Mas­se wird ent­wäs­sert. Die so erhal­te­ne Flüs­sig­keit wird als Flüs­sig­dün­ger an Land­wir­te ver­kauft. Die fes­ten Res­te wer­den getrock­net und dann gesiebt. Die gro­ben, hol­zi­gen Bestand­tei­le wer­den in Bio­mas­se­kraft­wer­ken ver­brannt. Die fei­nen Antei­le wer­den als Kom­post an Land­wir­te und Gärt­ner ver­kauft. Dabei ist es ein gro­ßes Pro­blem, wenn Bio­ab­fall in Plas­tik­sä­cken ein­ge­wor­fen wird, denn die fei­nen Plas­tik­fet­zen von den Säcken kön­nen nur bedingt ent­fernt wer­den. Viele Fet­zen lan­den im Kom­post und gelangen so auf Fel­der und Gär­ten und blei­ben dort für Jahr­zehn­te.
  • Elek­tro­ge­rä­te wer­den unter ande­rem zur Fir­ma ALBA Elec­tro­nics Recy­cling in Lustadt gelie­fert. Dort werden die Gerä­te mit viel Hand­ar­beit aus­ein­an­der­ge­baut und die Wert­stof­fe so sor­ten­rein vor­sor­tiert. Zur end­gül­ti­gen Gewin­nung wer­den die­se dann an wei­te­re Fir­men wie z.B. Kup­fer­hüt­ten gelie­fert.
  • Ver­pa­ckun­gen wer­den in gel­ben Säcken gesam­melt. Die Stadt hat­te 1994–95 ein­mal gel­be Ton­nen, doch zu vie­le Bür­ge­rIn­nen haben dar­in ihren Haus­müll gewor­fen, um Kos­ten zu spa­ren. Die gel­ben Säcke wer­den an der Lie­big­stra­ße umge­schla­gen und an der­zeit 9 Fir­men ver­teilt, die vom Dua­len Sys­tem beauf­tragt sind und von den Her­stel­lern der Pro­duk­te bezahlt wer­den. Dabei wer­den die gel­ben Säcke weit gefah­ren, z.B. bis nach Neu­stadt an der Wein­stra­ße. Dort wer­den sie sor­tiert. Metal­le wer­den von Kunst­stof­fen getrennt. Sor­ten­rei­ne Kunst­stof­fe kön­nen schnell und effek­tiv her­aus­ge­fil­tert wer­den. Je nach Kunst­stoff­sor­te kann man neue Ver­pa­ckun­gen her­stel­len, indem man bis zu 70 % Recy­cling­ma­te­ri­al ver­wen­det. Pro­ble­ma­tisch sind Kunst­stoff­mi­schun­gen. So bestehen klas­si­sche Kaf­fee­kap­seln aus 2–3 ver­schie­de­nen Kunst­stof­fen, die man nicht mehr tren­nen kann. Man kann sol­che Kap­seln daher nur als Roh­öl­er­satz z.B. bei der Zement­her­stel­lung ver­bren­nen. Kaf­fee­kap­seln sind gene­rell ein Fre­vel an der Umwelt, denn Kap­seln aus Alu­mi­ni­um sind nicht bes­ser, aber Misch­kunst­stof­fe ste­cken auch in vie­len ande­ren Ver­pa­ckun­gen. Um die Ent­wick­lung in Rich­tung sor­ten­rei­ner Ver­pa­ckun­gen zu len­ken, gilt ab 2019 ein neues Ver­pa­ckungsgesetz, das die Recy­c­le­bar­keit för­dert.

Dass es in und um Frei­burg kei­ne Sor­tier­an­la­ge für Ver­pa­ckun­gen gibt, erscheint erst ein­mal schlecht für die Umwelt. Man muss jedoch schau­en, wo die Fir­men sit­zen, die neue Ver­pa­ckun­gen her­stel­len. Sit­zen die z.B. im Rhein-Main-Gebiet, ist es kein Nach­teil die gel­ben Säcke in der Pfalz zu sor­tie­ren. Doch jeder sor­tier­te Wert­stoff muss zu einem ande­ren Betrieb gebracht wer­den. Das ist ein so gro­ßer logis­ti­scher Auf­wand, dass fast jeder sechs­te LKW auf den Auto­bah­nen Müll/Recyclingstoffe trans­por­tiert. Auch wenn unse­re Recy­cling­quo­te in Euro­pa spit­ze ist, heißt das also nicht, dass es auch bes­ser für die Umwelt ist. Schluss­end­lich hilft nur Müll zu ver­mei­den. Und bei den Ver­pa­ckun­gen kann jeder von uns noch viel spa­ren. Von den Flä­chen­län­dern der EU pro­du­ziert nur Däne­mark mehr Müll als wir; das zeigt das Ein­spar­po­ten­ti­al.

Warum tickt der Osten anders?

Der Osten, schön saniert und trotz­dem teils leer.

Ein Redak­ti­ons­mit­glied des Stüh­lin­ger Maga­zins wird als Ex-Ossi oft damit kon­fron­tiert, was denn in sei­ner alten Hei­mat los ist. Zum Tag der deut­schen Ein­heit hat er daher einen län­ge­ren Arti­kel geschrie­ben, durch den viel­leicht klar wird, war­um es sol­che Unter­schie­de in den Ansich­ten und Denk­wei­sen zwi­schen Ost- und West­deut­schen gibt.

Warum tickt der Osten anders?

Schön saniert und den­noch leer

Als Ex-Ossi wer­de ich oft damit kon­fron­tiert, was denn in mei­ner alten Hei­mat los ist. Mir fällt dabei auf, dass die meis­ten Medi­en nicht ver­mit­teln, war­um die Ansich­ten und Denk­wei­sen im Osten anders sind. Das kommt auch daher, dass es in den Chef­re­dak­tio­nen kaum Ost­deut­sche gibt und dass auch in in Ost­deutsch­land selbst die über­wäl­ti­gen­de Zahl der Chefs, Rich­ter, Gene­rä­le etc. aus dem Wes­ten stam­men.

Da es ein län­ge­rer Arti­kel ist, emp­fiehlt sich etwas Musik zum Lesen: Mode­rat — A new error

Um die Gefüh­le von vie­len Ost­deut­schen ver­ste­hen, gehen wir zurück in das Jahr 1990: Die Wen­de ist da, die Chan­ce der Tris­tesse in maro­den Groß­be­trie­ben zu ent­ge­hen, nicht mehr wochen­lang per Tausch­han­del Waren hin­ter­her­zu­ren­nen, die es ohne West­geld nicht gab. Die Wen­de mach­te Hoff­nung, dass man es nun mit har­ter Arbeit auch end­lich zu etwas brin­gen, in einem schö­nen Haus woh­nen und die Welt berei­sen kann. Man konn­te nun auch selbst ein Unter­neh­men grün­den, etwas bewe­gen.
Das Pro­blem dar­an waren die Start­be­din­gun­gen. Stel­len Sie sich vor, die spie­len Mono­po­ly mit 5 ande­ren. Alle ande­ren haben das­sel­be Start­geld, sie aber nur ein Fünf­tel davon. Wer wird gewin­nen und wer zuerst aus­schei­den? Pro­bie­ren Sie es am bes­ten ein­mal aus, denn das prägt!
Über­setzt auf 1990 heißt das, 20% der Deut­schen hat­ten so gut wie kein Start­ka­pi­tal. Am Ende der DDR lag das durch­schnitt­li­che Arbeits­ein­kom­men bei 1140 Mark (der DDR). Nimmt man an, dass man etwa ein Drit­tel davon monat­lich anspa­ren konn­te, wären das 380 Mark, also in 10 Jah­ren 45.600 Mark. Bei der Wäh­rungs­uni­on 1990 konn­te man das 2:1 in West­mark tau­schen, 4000 Mark sogar 1:1 (Details dazu sie­he hier). Das heißt, das über 10 Jah­re ange­spar­te Geld war 24.800 West­mark wert. Immo­bi­li­en­ei­gen­tum gab es in der DDR sys­tem­be­dingt nur sehr sel­ten, daher war das ange­spar­te Geld auch meist das Ver­mö­gen.
Seit 1990 haben sich die Kauf­prei­se für Woh­nun­gen in etwa ver­dop­pelt. Heu­te kos­tet z.B. eine Woh­nung in Dres­den um die 120.000 €. Man kann also abschät­zen, dass der Kauf­preis 1990 um die 60.000 €, also 120.000 West­mark gele­gen hat. Dazu kommt, dass jede Woh­nung erst ein­mal saniert wer­den muss­te. Das ange­spar­te Geld reich­te also nicht aus, um eine Woh­nung, geschwei­ge denn ein gan­zes Haus zu kau­fen. Dazu hät­te man einen Kre­dit auf­neh­men müs­sen. Doch ohne Sicher­hei­ten, gibt es kei­nen Kre­dit und das Gehalt wur­de kaum als Sicher­heit akzep­tiert, denn durch die Abwick­lung der Betrie­be wur­den die aller­meis­ten Men­schen arbeits­los. Vie­le haben die 1990er Jah­re mit Umschu­lun­gen, Arbeits­lo­sig­keit und kurz­zei­ti­gen Beschäf­ti­gun­gen ver­bracht. Es konn­ten sich also nur Leu­te aus dem Wes­ten und West­eu­ro­pa Häu­ser in Ost­deutsch­land kau­fen, denn die­se hat­ten ent­we­der bereits das nöti­ge Kapi­tel oder Sicher­hei­ten für Kre­di­te. So gehö­ren die meis­ten Miet­woh­nun­gen in Ost­deutsch­land Men­schen, die nicht vor Ort woh­nen.
Vie­le Leu­te im Osten haben rea­li­siert, dass sie es nicht aus eige­ner Kraft schaf­fen kön­nen, Wohn­ei­gen­tum zu erwer­ben, denn der Markt wird von Men­schen aus dem Wes­ten befeu­ert, die ihr Geld anle­gen wol­len. Die Kauf­prei­se stei­gen daher auch in Ost­deutsch­land rasant, wäh­rend ein Drit­tel der Ost­deut­schen weni­ger als 2000 € im Monat brut­to ver­die­nen. Als Dau­men­re­gel gilt, dass man eine Woh­nung nur kau­fen soll­te, wenn man sie in 25 Jah­ren abbe­zah­len kann. Das hie­ße bei 120.000 € Kauf­preis, 25 Jah­re lang jeden Monat 400 € zur Sei­te legen. Das kön­nen die Meis­ten nicht.

Wich­tig für das Gefühl sind auch die ver­gan­ge­nen Jah­re. Als 2016 der Min­dest­lohn ein­ge­führt wur­de, hat z.B. in Sach­sen fast jeder vier­te Arbeit­neh­mer weni­ger als 8,50 €/Stunde ver­dient. Das heißt, dass vie­le Men­schen in den Jah­ren seit der Wie­der­ver­ei­ni­gung kaum etwas anspa­ren konn­ten. Dazu kommt das Gefühl, unge­recht behan­delt wor­den zu sein. Sicher­lich waren vie­le DDR-Betrie­be nicht auf dem Welt­markt kon­kur­renz­fä­hig, doch die, die es waren, wur­den als Kon­kur­renz wahr­ge­nom­men, teil­wei­se auf­ge­kauft und zer­schla­gen oder hat­ten ein­fach nicht das Start­ka­pi­tal, um am Markt zu bestehen. Hier zwei Bei­spie­le: Kera­mik­fa­brik, Kühl­schrän­ke.
Dazu kommt die Psy­cho­lo­gie, denn jeder Mensch braucht Bestä­ti­gung, dass er etwas Sinn­vol­les macht. In der DDR hat­ten z.B. hun­dert­tau­sen­de Men­schen im Berg­bau gear­bei­tet. Deren Arbeits­leis­tung wur­de nicht hono­riert. Berg­ar­bei­ter waren die Sün­den­bö­cke für zer­stör­te Land­schaf­ten und sie wur­den kaum unter­stützt, in ande­ren Berei­chen eine neu­en Job zu fin­den. In West­deutsch­land gab es hin­ge­gen Sozi­al­plä­ne über teils Jahr­zehn­te, der Aus­stieg aus dem Unter­ta­ge-Berg­bau wur­de lang­sam und geplant voll­zo­gen. Dass Ost­deut­sche Berg­ar­bei­ter nicht die­sel­be Unter­stüt­zung beka­men und bis heu­te Nach­tei­le haben, löst Wut aus.

Noch 2009 lag die Arbeits­lo­sig­keit in Ost­deutsch­land bei 13 %, dazu kamen Tau­sen­de Men­schen, die nicht in die Sta­tis­tik kamen durch Umschu­lun­gen etc. Erst in den letz­ten Jah­ren sank die Arbeits­lo­sig­keit auch im Osten unter 10 %. Doch wer sich 25 Jah­re sei­nes Lebens mit schlecht bezahl­ten Kurz­zeit­jobs und Arbeits­be­schaf­fungs­maß­nah­men über Was­ser gehal­ten hat, sieht Aus­län­der als Kon­kur­ren­ten auf dem Arbeits­markt. Vie­le Ost­deut­sche sind zum Arbei­ten in den Wes­ten gepen­delt, haben viel Frei­zeit mit der Fah­re­rei ver­bracht und ken­nen kei­nen West­deut­schen, der es umge­kehrt getan hat. Vie­le sind daher über­zeugt, dass sie alles gege­ben haben und füh­len, dass sie trotz­dem kaum etwas erreicht haben. Mir ist dies­be­züg­lich eine Sze­ne im Kopf geblie­ben: Der Ein­tritt in den Schloss­park Pill­nitz kos­tet nur 3 €. In der Schlan­ge am Ein­tritt stan­den auch Flücht­lin­ge. Damit denen im Wohn­heim nicht die Decke auf den Kopf fällt, sie aber kein Geld haben, durf­ten sie umsonst in den Park. An sich eine ver­nünf­ti­ge Ent­schei­dung, eine Rent­ne­rin in der Schlan­ge hat sich jedoch fürch­ter­lich dar­über auf­ge­regt: Sie hat ihr gan­zes Laben lang gear­bei­tet, kommt aber mit ihrer Ren­te gera­de so über die Run­den. Der Park ist aber nur so schön, weil er mit ihren Steu­ern instand gehal­ten wur­de, ja zu DDR-Zei­ten hat sie sogar unent­gelt­li­che Arbeits­ein­sät­ze im Park gemacht und nun muss sie für den Ein­tritt bezah­len, wäh­rend Frem­de, die nie Steu­ern gezahlt haben, umsonst rein­kom­men.
Der Vor­fall ist ein gutes Bei­spiel für das Gefühl, das vie­le im Osten haben. Dadurch, dass sie trotz Arbeit das Gefühl haben, nicht voll teil­ha­ben zu kön­nen, macht sie anfäl­lig für Angst und Neid gegen­über denen, die neu kom­men. Gene­rell ist man­geln­de Teil­ha­be ein gro­ßes Pro­blem, natür­lich auch in West­deutsch­land.

Tei­le mei­ner Hei­mat wur­den abge­ris­sen

Ein wei­te­rer wich­ti­ger Punkt ist Hei­mat. Nach der Wen­de haben vie­le Men­schen den Osten ver­las­sen. Dadurch stan­den gan­ze Wohn­ge­bie­te leer. Die meis­ten ost­deut­schen Gemein­den haben mehr als ein Fünf­tel ihrer Ein­woh­ner ver­lo­ren. Und so wur­de auch das Wohn­ge­biet abge­ris­sen, in dem ich zur Schu­le gegan­gen bin und wo mei­ne gan­zen Freun­de gewohnt haben. Dafür kann die Poli­tik nicht viel, den­noch ist es wich­tig zu ver­ste­hen, dass das Gefüh­le aus­löst, im Ver­gleich zum Rest Deutsch­lands abge­hängt zu sein.

Man hat zur Wen­de das Prin­zip “Rück­ga­be vor Ent­schä­di­gung” ange­wen­det. Alt­ei­gen­tü­mer beka­men ihren ehe­ma­li­gen Besitz zurück, der in der DDR ent­eig­net wur­de. Dies waren meist Leu­te aus dem Wes­ten, die durch ihre Ent­eig­nung aus dem Osten geflo­hen sind. Das Prin­zip wur­de bei den Ver­hand­lun­gen zur Wie­der­ver­ei­ni­gung von den Sie­ger­mäch­ten abge­seg­net und noch vor der Wie­der­ver­ei­ni­gung von der Volks­kam­mer per Gesetz beschlos­sen. Inso­fern ist nicht klar ob die Sie­ger­mäch­te ande­ren Rege­lun­gen zuge­stimmt hät­ten, z.B. dass man den DDR-Bewoh­nern die von ihnen bewohn­ten Gebäu­de und die Betrie­be, in denen sie bis­her gear­bei­tet haben, über­tra­gen hät­te. Denn wer in der Hei­mat Besitz und einen Job hat, ver­lässt sie nicht. Sicher wären den­noch auch mit die­ser Metho­de der Über­tra­gung an die Bewohner/Arbeiter vie­le Fir­men plei­te gegan­gen oder Häu­ser ver­kauft wor­den, doch dann hät­te man die Start­be­din­gun­gen für das Mono­po­ly der Markt­wirt­schaft wenigs­ten etwas ange­gli­chen.

Apro­pos Markt­wirt­schaft, West­deut­sche kön­nen es sich nicht vor­stel­len, wie es ist, qua­si über Nacht ein neu­es Wirt­schafts­sys­tem zu haben. Man kann es sich so vor­stel­len, dass sich auf ein­mal kei­ner in der Welt ein deut­sches Auto leis­ten kann, Daim­ler, VW und Co. abge­wi­ckelt wer­den müss­ten, Hun­dert­tau­sen­de auf der Stra­ße ste­hen und sich einen neu­en Job suchen müs­sen, obwohl sie jeden Tag für ihre Fir­men hart gear­bei­tet haben. Und dann wür­den ihnen auch noch ande­re sagen, dass es nur dar­an läge, weil sie vor­her schlecht gear­bei­tet hät­ten. Man muss sich klar machen, dass die Arbei­ter der DDR nichts für die staat­lich ver­ord­ne­te Man­gel­wirt­schaft konn­ten, statt­des­sen unter Mur­ren und Unter­drü­ckung ihrer Ide­en ver­sucht haben, trotz Man­gel eini­ger­ma­ßen qua­li­ta­ti­ve Pro­duk­te her­zu­stel­len.
Dazu kommt, dass im Sozia­lis­mus mehr Mit­ein­an­der als Gegen­ein­an­der war, sprich, wer etwas geleis­tet hat, stell­te eine Rech­nung und die wur­de auch bezahlt. Dass man Rech­nun­gen erst ein­mah­nen oder gar ein­kla­gen muss, muss­ten vie­le ost­deut­sche Neu­un­ter­neh­mer bit­ter ler­nen.

Das Mit­ein­an­der ist ein wei­te­rer wich­ti­ger Punkt. Es gab Arbeits­kol­lek­ti­ve, in denen man sich gegen­sei­tig auch im Pri­va­ten gehol­fen hat. Es wur­de mit den Abtei­lun­gen Aus­flü­ge gemacht, Kin­der in Feri­en­la­gern der Betrie­be im Som­mer betreut, es gab aus­rei­chend Kin­der­gar­ten­plät­ze und vie­le ande­re Din­ge, die es heu­te so nicht mehr gibt. Es war für Vie­le eine gro­ße Umstel­lung, dass man sich um alle Din­ge sel­ber küm­mern muss, also z.B. die Schu­le nicht mehr dafür sorgt, dass alle Schul­bü­cher da sind, son­dern dass man Schul­bü­cher aus­wäh­len, Ange­bo­te für Feri­en­la­ger suchen und Prei­se ver­glei­chen muss. Die ehe­ma­li­ge Leh­re­rin am Ende die­ser Repor­ta­ge bringt das gut auf den Punkt.

Und nun, was ist die Schluss­fol­ge­rung? Es gibt sicher kein Patent­re­zept. Es ist auf jeden Fall sehr wich­tig die Löh­ne und Ren­ten schnellst­mög­lich anzu­glei­chen. Bei der Ren­te ist das bereits auf den Weg gebracht, bei den Löh­nen lei­der nicht. Es ist ein Unding, dass wir über­all einen Pfle­ge­not­stand haben, aber man dafür in Ros­tock bei glei­cher Leis­tung weni­ger ver­dient als in Lübeck. Dort kann und muss die Poli­tik ein­grei­fen, wenn sie von den Men­schen ernst genom­men wer­den will. Aus gutem Grund wur­den z.B. Frau­en­quo­ten ein­ge­führt und man hat das Recht zu schau­en, dass man als Frau genau­so viel ver­dient wie ein Mann bei glei­cher Leis­tung. Das ist eine Selbst­ver­ständ­lich­keit und was wir für Geschlech­ter als fair oder unfair emp­fin­den, muss gene­rell auch für Regio­nen gel­ten. Es wür­de kein Por­sche-Mit­ar­bei­ter in Zuffen­hau­sen akzep­tie­ren, weni­ger zu bekom­men als sein Kol­le­ge im Leip­zi­ger Werk. Um das über­prü­fen zu kön­nen, soll­te die Poli­tik neue Arbeit­neh­mer­rech­te schaf­fen. Die­se soll­ten nicht für Ost/West son­dern zum Ver­gleich zwi­schen allen Wer­ken einer Fir­ma gel­ten.
Dass die meis­ten Füh­rungs­po­si­tio­nen in Ost­deutsch­land nicht von Ost­deut­schen besetzt sind, ist eben­falls ein Pro­blem, dass man ange­hen muss, denn Gesell­schaft funk­tio­niert nur, wenn Amts­lei­ter und Vor­stän­de die Pro­ble­me der Bevöl­ke­rung ken­nen, weil sie dar­in auf­ge­wach­sen sind. Da die Situa­ti­on so extrem ist, kommt man dem wahr­schein­lich nur mit zeit­lich befris­te­ten Quo­ten­re­ge­lun­gen für Ost­deut­sche bei.

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