OB Horns Haltung: Zuversicht
„Wir haben alle Voraussetzungen geschaffen,dass Freiburg optimistisch in die Zukunft schauen kann”

Oberbürgermeister Martin Horn im Gespräch mit der Redaktion des Stühlinger MAGAZINs (v.l.n.r.): Julian Badura, OB Martin Horn, Yannick Kiesele, Redaktionsleiterin Nora Bayer und Gabi Rolland. Martin Horn stellt sich bei der Oberbürgermeisterwahl in Freiburg am Sonntag, den 26. April 2026, zur Wiederwahl.
In der Guntramstraße ist alles vorbereitet. Die Sitzecke ist gerichtet, der Platz für Martin Horn strategisch überlegt, Probefotos sind geschossen, Notizblöcke liegen offen, der Kaffee wird langsam kalt. Das für dieses Interview siebenköpfig erschienene Redaktionsteam des Stühlinger MAGAZINs wartet. Martin Horn, Freiburgs Oberbürgermeister und erneut Kandidat für weitere acht Jahre im Amt, hat sich angekündigt – doch er verspätet sich. Eine kurze Nachricht kommt durch: Es wird ein bisschen später.
Als sich die Tür schließlich öffnet, kommt Horn gut gelaunt herein. Keine Spur von Hektik, kein distanzierter Auftritt. Stattdessen ein gewinnendes Lächeln – und gleich eine Anekdote, die auch sein späteres Kommen erklärt.
Den gesamten Artikel lesen Sie hier:
Er erzählt von jener Nacht vor acht Jahren, als er zum ersten Mal zum Oberbürgermeister gewählt wurde. Wahlparty, Euphorie, Gedränge – und dann, völlig unvorbereitet, zwei ausgeschlagene Zähne. „Ich stand da, frisch gewählt, Blut im Mund“, erzählt Horn. Es ging direkt zum Zahnarzt, danach zurück auf die Party.
Jahre später, ein paar Stunden zuvor, mitten im aktuellen Tür-zu-Tür-Wahlkampf, klingelt Horn an einer Wohnungstür – und steht plötzlich wieder genau diesem Zahnarzt gegenüber. „Ich hatte einen abgebrochenen Zahn, da hat er mich gleich dazwischengeschoben und mir den Zahn wieder geflickt“, sagt Horn und lacht. Es ist eine dieser Anekdoten, die in der Art, wie sie erzählt werden, mehr über einen Menschen verraten als viele Wahlprogramme.
Dann wird es ernst. In den folgenden anderthalb Stunden wird die Redaktion des Stühlinger MAGAZINs Martin Horn zu allen großen und drängenden Freiburg-Themen befragen. Martin Horn hat mittlerweile einen Espresso vor sich stehen und ist konzentriert und präsent, die Redaktion bereit zum Mitschrieb.
Freiburg steht finanziell gut da – besser als viele andere Städte und Gemeinden. Horn erklärt, woran das liegt. Seit 2018 seien die Einnahmen aus der Gewerbesteuer um rund 100 Millionen Euro pro Jahr gestiegen, ohne dass die Steuer erhöht worden sei. „Das ist kein Zufall“, sagt er. „Das ist das Ergebnis einer klaren wirtschaftlichen Ausrichtung.“
Vor allem die Medizin und Medizintechnik hätten Freiburg nach vorne gebracht. Rund 40.000 Arbeitsplätze und etwa ein Drittel der gesamten Gewerbesteuereinnahmen Freiburgs hängen inzwischen an dieser Branche. Die Universitätsklinik Freiburg sei bundesweit die zweitbeste – „eine großartige Auszeichnung“. 80 Prozent der OP-Robotik liefen über Freiburg, Pfizer habe eine halbe Milliarde Euro in den Standort investiert. Man spürt: Horn ist stolz auf diese Entwicklung.
Auch bei den Arbeitsplätzen sieht er Freiburg stark aufgestellt. Der größte Fraunhofer-Standort weltweit, dazu weitere außeruniversitäre Forschungseinrichtungen – das sei ein Nährboden für Innovation. Viele Start-ups entstünden genau aus diesem Umfeld heraus. Bei den Ausgründungen liege Freiburg aktuell auf Platz zehn in Deutschland. „Gut“, sagt Horn, „aber da geht noch mehr.“ Sein Ziel: noch mehr Vernetzung und Synergien, dauerhaft unter die Top fünf.
Der Blick nach vorn bleibt optimistisch. Handwerk und Mittelstand seien tragende Säulen der Freiburger Wirtschaft. Ein zentraler Baustein sei dabei die Wohnbauoffensive. Innerhalb von zehn Jahren werde die Freiburger Stadtbau rund 750 Millionen Euro in den Wohnungsbau investieren. „Davon profitiert das lokale Handwerk direkt“, sagt Horn. „Das ist antizyklische Wirtschaftsförderung – und die wirkt.“
Als das Gespräch in den Stadtteil wechselt, wird Horn noch leidenschaftlicher. Stadtpolitik, sagt er, dürfe nicht nur die Innenstadt im Blick haben. „Wir müssen dezentral denken. Freiburg lebt von seinen Stadtteilen.“ Der Stühlinger profitiere von seiner Nähe zur Innenstadt, habe aber vor allem eigenes Potenzial. Mit den neuen Grünoasen sollen auch hier neue Impulse entstehen. Vom Eschholzpark bis zur Uniklinik werde sich mit dem neuen Quartier Kleineschholz eine durchgehende Grünspange ziehen.

„Der Stühlinger Kirchplatz habe enormes Potential“, zeigt sich OB Martin Horn überzeugt. V.l.n.r.: OB Martin Horn, Yannick Kiesele, Redaktionsleiterin Nora Bayer und Gabi Rolland.
Neue Plätze, mehr Bäume, Trinkwasserspender, Bänke – „das verändert, wie man sich im Stadtteil aufhält“.
Für die Gewerbetreibenden im Stühlinger gehe es neben attraktiven Räumen vor allem ums Vernetzen. Pop-up-Stores könnten auch in den Stadtteilen neue Dynamik erzeugen. Das Eschholzstraßenfest habe gezeigt, was möglich sei, wenn Stadtteil, Gewerbe und Stadt zusammenarbeiten.
Ein Dauerbrenner bleibt der Stühlinger Kirchplatz. Horn spricht offen darüber, dass es hier keine einfache Lösung gebe. „Aber viele kleine“, sagt er. Ein Konzept mit kurzfristigen, mittelfristigen und langfristigen Maßnahmen werde nun Schritt für Schritt umgesetzt. Der „Kiosk für alle“, Open-Air-Kinoformate – immer mit Rücksicht auf die Anwohnenden. Martin Horn nennt die Silent Disco von Nathan, das Lichterlabyrinth des Jugendzentrums Letz-Fetz. „Ich war mit meinen Kindern dort“, sagt er. „Das war eine so offene und angenehme Atmosphäre.“ Der Stühlinger Kirchplatz habe enormes Potenzial, müsse aber immer im Zusammenhang mit den umliegenden Straßenzügen gedacht werden. „Es darf keine Verdrängungseffekte geben.“ Auch eine punktuelle 24-Stunden-Polizeipräsenz an den Wochenenden habe er angeregt – für mehr objektive und subjektive Sicherheit.
Beim Klimaschutz verweist Horn auf die kommunale Wärmeplanung. Schritt für Schritt würden die Anschlüsse an das Wärmenetz vorbereitet. Badenova investiere massiv in erneuerbare Energien, etwa in das Geothermiekraftwerk in Hartheim und in den Netzausbau. Als Unternehmen in öffentlicher Hand setze Badenova genau das um, was die Kommunen gemeinsam beschlossen hätten.
Auch im Eschholzpark bewege sich viel. Proberaummodule für Bands, bessere Beleuchtung, neue Sitzgelegenheiten. Die Entwicklungen würden kritisch, aber konstruktiv von den Akteurinnen und Akteuren im Stadtteil begleitet. Mit der Grünspange Richtung Kleineschholz werde der Park erweitert und in alle Richtungen ausstrahlen. „Wichtig ist“, betont Horn, „dass wir eine gute Infrastruktur für alle Generationen schaffen – ohne den Park zu überfrachten.“
Beim Neubaugebiet Kleineschholz verschweigt er die Herausforderungen nicht. Die Finanzierung sei anspruchsvoll, aber machbar. Stadtbau und Uniklinik würden bauen, Azubi-Wohnen sei geplant, Genossenschaften seien beteiligt. Gemeinwohlorientiertes Bauen sei möglich – und sinnvoll. Der geförderte Wohnungsbau richte sich etwa an 3‑Personen-Haushalte mit bis zu 5.800 Euro Bruttoeinkommen im Monat. „Davon profitieren breite Schichten.“
Der Milieuschutz im Stühlinger habe Wirkung gezeigt, sagt Horn. Neubau allein reiche nicht, der Bestand müsse geschützt werden. Gentrifizierung werde verlangsamt – ein Gewinn. Sanierungen seien weiterhin möglich, nur eben keine Luxussanierungen. Besonders stolz ist Horn auf die Fördermittelbilanz: Freiburg habe mit zwei Prozent der Bevölkerung Baden-Württembergs ganze 16 Prozent des Fördervolumens erhalten – ein Spitzenwert.
Mittlerweile sind einige Blätter Mitschrieb des intensiven Gesprächs und der Zahlenjonglage gefüllt. Martin Horn lehnt sich entspannt zurück, schaut in die Runde und sagt schmunzelnd: „Ich bin gespannt, wie ihr diese rasanten anderthalb Stunden jetzt aufs Papier bringt.“ Das sind wir selbst nicht minder, aber noch ist das Interview nicht ganz beendet.

Foto: Stühlinger MAGAZIN / „Stadtgestaltung mutig vorantreiben“, ist das Ziel von OB Martin Horn. V.l.n.r.: Gernot Körner, Jürgen Kießling, Julian Badura, OB Martin Horn, Gabi Rolland, Redaktionsleiterin Nora Bayer und Yannick Kiesele,
Wo steht Freiburg in zehn Jahren? Die Frage nach der Zukunft beantwortet Martin Horn mit Klarheit: „Auch mit acht Jahren Horn ist Freiburg zu teuer.“ Ja, die Stadt werde teuer bleiben. Aber sie sei vorbereitet. Seit 2018 habe Freiburg aktiv Bodenpolitik betrieben, 1,8 Millionen Quadratmeter Fläche ins städtische Eigentum geholt. „Das ist das Kapital für kommende Generationen.“ Nach Jahren, in denen es vor allem um Quantität gegangen sei, müsse nun stärker in Qualität investiert werden: in Infrastruktur, Soziales, den Kampf gegen Wohnungslosigkeit, in Grün- und Spielflächen für alle Generationen, sowie in die Sanierung von Sporthallen. Auf der Agenda stünden eine Schwimmbadoffensive, die Sanierung der Eishalle. Auch die Digitalisierung solle weiter vorangetrieben werden. Das Käpselefestival – all das stehe für eine neue Kultur des Gestaltens.
Sein Ziel formuliert Horn am Ende klar: Er wolle mit einer Stadtverwaltung arbeiten, die Stadtgestaltung wieder mutig voranbringt.
Sein Fazit ist eine Haltung. Zuversicht. „Wir sollten über Lösungen sprechen“, sagt er. Freiburg sei eine Stadt der Vielfalt, des Miteinanders, des gemeinsamen Gestaltens. Eine Stadt, die Hass und Hetze entschieden die rote Karte zeigt: „Bei allem internationalen Gegeneinander brauchen wir ein lokales Miteinander.“
Als er geht, zum nächsten Termin, einer Nachtschicht mit dem Kältebus vom DRK, bleibt genau dieses Gefühl im Raum: Dass hier jemand ist, der nicht nur verwaltet, sondern gestalten will – mit Energie, mit Optimismus und mit einem spürbaren Glauben an unsere Stadt und ihre Menschen.
Redaktion des Stühlinger MAGAZIN